Sabine Pallaske

 

Das bestmögliche Bild

Alles begann in einer vor-digitalen Zeit mit dem Fotodesign-Studium an der Fachhochschule Darmstadt, der heutigen h_da, die ich 1988 frisch diplomiert und hoch motiviert verließ. Ganz und gar erfüllt von hehren ästhetischen und journalistischen Zielen startete ich sofort als freiberufliche Fotografin in das Berufsleben.

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Schnell wurde mir jedoch klar, dass „Professionalität“ viel mehr bedeutet, als den Anspruch zu leben, gute Bilder zu machen. Es gibt neben der leidenschaftlichen, also der gestalterischen Seite des Berufs, noch eine weitaus weniger leidenschaftliche – die geschäftliche.

Wenn also Fotografie (auch) ein Geschäft ist oder gar Arbeit – was ist dann meine Arbeit wert? Diese Frage stellte sich mir immer häufiger und ich hatte keine Antwort parat, denn das alles hatte mir im Studium niemand beigebracht oder gar durchblicken lassen:  Sabine, da kommt was auf dich zu.

Den Kopf in den Sand zu stecken war aber trotzdem nicht angesagt. Stattdessen lautete die Devise: Jetzt erst recht. Also war „Learning-by-Doing“ angesagt und natürlich auch, aus Fehlern immer klüger zu werden – geht halt nicht ohne.

Aber da ich viel mit Kunden aus der Industrie zu tun hatte, lernte ich notgedrungen recht zügig. Und nach kurzer Zeit konnte ich bereits klassische Angebote schreiben, wusste mit Werkverträgen etwas anzufangen und akzeptierte zähneknirschend, dass Administration einen guten Teil meiner Arbeit umfasste.

Als visuell orientiertem Menschen ging es mir aber mehr um Bilder als darum, zu administrieren oder zu akquirieren. Und da ich mich in dieser Hinsicht nicht von anderen Fotografen unterschied und unterscheide, entstand die Idee zu einer Bildagentur.

1996 war es soweit. Wir gründeten die Bildagentur F1online, um uns selbst zu vermarkten und faire Bedingungen für andere Fotografen zu bieten. Und nur ein Jahr später ging unsere Internetpräsenz online. Das war zu einer Zeit, als Daten noch per Modem übertragen wurden, Speichermedien fast unerschwinglich waren und Webzugang nur Auserwählte in Redaktionen und Agenturen hatten. Fotografiert wurde noch analog und die Digitalisierung der Bilder war noch eine echte technische Herausforderung: Scannen, Farbprofile, Farbräume, Tonwertabgleiche usw. – damals noch ein Feld für echte Spezialisten, selbst bei einfachsten Aufnahmen.

Ab 2000 ging es aber dann rasend schnell. Die digitale Fotografie hatte sich endgültig etabliert. Große Datenmengen zu übertragen, günstige Datenträger zu kaufen und schnelle Übertragungsraten im Internet waren nun nicht nur technisch möglich, sondern auch bezahlbar und für jedermann zugänglich geworden.

Und dann kam die Flut. Immer mehr Bilder standen zur Verfügung – auch im Stock von F1online. Immer mehr Kunden mit verschiedensten Anforderungen griffen auf diese Bilder zu. Die Globalisierung diktierte zunehmend die Gesetze des Marktes. Und ein rapides Wachstum der Medienvielfalt machte alles für den Einzelnen unüberschaubar.

Die finanzielle und rechtliche Sicherheit aus Zeiten des kontrollierbaren Druckerzeugnisses ging für Kreative verloren. Jeder – ob Fotograf, Texter, Musiker, Filmemacher oder Illustrator, – der sein Werk über das Internet öffentlich zugänglich machte, musste die Nutzung jetzt auf neue Weise kontrollieren können und auch kontrollieren müssen.

Das Werk war zum Content geworden und damit im Verständnis vieler frei verfügbar. „Content-Klau“ durch private wie gewerbliche Bildnutzer wurde zum Problem und Urheberrechtsverletzungen zum Volkssport – oftmals weniger aus böser Absicht als eher aus Unkenntnis -, was jedoch am Problem nichts ändert.

Für Verwender von Bildern wurde es ebenfalls nicht einfacherer. Um sich vor dem schnell grassierenden Abmahnwahn zu schützen, mussten sie jetzt durch absolut „wasserdichte Verträge“ den gewünschten Content exakt der Nutzung entsprechend lizenzieren.

Kurz, das Bildagenturgeschäft wurde immer beratungsintensiver. Gestalterische, inhaltliche oder technische Aspekte traten immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen ging und geht es immer mehr um Urheberrecht, Nutzungsrechte und Inhalte der Lizenzvergabe.

Das Wissen um das alles bekommt man natürlich nicht in die Wiege gelegt. Also hieß es für mich wieder einmal, Neues zu lernen: durch Recherche, Weiterbildungen und die täglichen Anforderungen des Marktes. Meine daraus gewonnene Erfahrung und meine erarbeitete Expertise gebe ich jetzt seit Jahren an Bildagentur-Kunden, Fotografen und Studenten weiter – innerhalb von Seminaren und Workshops oder durch Vorlesungen an Hochschulen.

Und obwohl ich jetzt mein Wissen seit einiger Zeit weitergebe, ist mir klar, dass auch ich niemals auslernen werde. Deshalb drückte ich wieder die Schulbank und studierte Medienrecht in Mainz.

Mir geht es immer noch um das bestmögliche Bild – statisch oder bewegt. Aber wenn sich die Welt verändert, kann man das nicht einfach ignorieren. Das wäre nicht professionell. Man muss heute die damit verbundenen Gesetze und Urteile kennen, Verträge lesen und korrekt aufsetzen können, Pressemeldungen beurteilen und vieles mehr. Und genau diesen Herausforderungen stelle ich mich und unterstütze heute Bildschaffende und Bildverwender, um das bestmögliche Bild möglich und sicher verwendbar zu machen – auf eine Weise, die dabei allen Aspekten gerecht wird: bildgerecht.